Mittwoch, 16. Februar 2011

Stuttgart Teil 1 (7.-9. Februar 2011) - Vor der OP



Montag, 7. Februar 2011:
Um 9:55 Uhr ging's los. Meinen Magen fühlte sich an, als würde ich ihn, aufgeblasen mit Helium, an einer Schnur wie einen Ballon mit mir herumtragen. Im Abteil gab es auch gleich einen Grund zur Freunde: einige Reihen weiter saß ein Mann, der so überaus großzügig war, seine Bazillen mit uns allen zu teilen. Die Bahn hielt sich für witzig und schaltete die Lüftung ein, damit alle etwas davon haben. Er hustete fast ununterbrochen die ganze Zugfahrt bis zu unserem Umsteigebahnhof, also geschlagene vier Stunden.
Dieses Mal sind wir sogar im richtigen Zug Richtung Stuttgart gelandet und fanden uns 18:23 Uhr am Bahnhof ein. Wir nahmen uns ein Taxi zum Hostel und der Taxifahrer hat uns so richtig verarscht - ich bin mir sicher! Klar, die S21-Demos haben ein mittelschweres Verkehrschaos verursacht, aber er ist scheinbar quer durch Stuttgart gefahren. (Mamma hat den Verdacht später erhärtet)
Im Hostel haben wir uns unseren "Begrüßungsdrink" zu Gemüte geführt, ich habe noch fix das Internet beehrt und dann ging's ab ins Bettchen. Einschlafen war allerdings harte Arbeit, denn wir hatten unser Zimmer zur Straße raus. Yippie.

Dienstag, 8. Februar 2011:

Bin ich wirklich um 5:40 Uhr aufgestanden? Oh mein Buddah, ich bin tatsächlich so früh aufgestanden und habe es auch noch überlebt! Warum diese waghalsige Aktion? Ich sollte laut meinem Doc schon um 7:30 Uhr in der Klinik antanzen. Mit'm Taxi hingefahren, da ich angesichts dieser Uhrzeit, meines Zustandes, meines Gepäcks und sicherlich noch anderer weltbewegender Dinge (keine Ahnung, Gehirn war auf Standby - noch zu wenig Kaffee) zu nichts anderem in der Lage war. In der Klinik angekommen fiel mir ein, dass ich absolut null Ahnung hatte, wohin ich eigentlich musste und entschloss mich, der Thekendame einen Besuch abzustatten. Sie war aufgrund der Informationslage aber auch nicht besonders hilfreich sodass ich mich bei der Anmeldung meldete, da ich ja eh' stationär aufgenommen werden sollte. Für die Anmeldungsleute beginnt der Tag aber erst um 8 Uhr, ergo warten. Nummer ziehen, warten, bis die aufgerufen wird und hinein ins Vergnügen. Die Dame war zunächst auch leicht verwirrt, ich wurde dann aber doch aufgenommen.
Oben angekommen: ich habe noch kein Zimmer. Das war aber auch klar, da sie ihre Patienten wohl kaum zehn nach acht rausschmeißen, nur weil ich so früh auf der Matte stehe. Also ging ich meinem allerliebsten Hobby nach: warten. Damit's nicht zu langweilig wird, durfte ich zwischendurch zum EKG und zur Anästesieaufklärung. Die EKG-Schwester ist komsich. Also sie sieht aus wie Gnomi mit der Frisur von den Beatles, allerdings in schwarz:
Gruselig, diese Ähnlichkeit...
Na ja, jedenfalls hielt sie mich zunächst für unhöflich, weil ich meine Mütze aufließ, ich erwiderte dann, dass es sonst ziemlich kalt werden würde an der Glatze. Ich traf sie an dem Tag noch fünf oder sechs Mal und sie fragte jedes Mal, wie's mir geht und wünschte mir alles Gute.
Zurück auf Station durfte ich endlich wieder meinem Hobby nachgehen und warten.
Dann bekam ich endlich ein Zimmer: vier Betten und ich senkte den Altersdurchschnitt deutlich ;-)
Und dann wieder - na, wer hat's erraten? - richtig: warten. Bis der Prof Zeit für mich hat. Ich schickte meine Mamma erstmal auf Erkundungstour in der Umgebung und kaum war sie weg, kam er auch schon ins Zimmer spaziert und holte mich ab, drapierte mich im öffentlichen Wartebereicht vor seinem Büro und überließ mich meiner Lieblingsbeschäftigung (so viele Umschreibung für "warten" - ich bin gut).
Schließlich schaffte ich es bis in sein Büro und nach kurzem Bla bla tastete er nochmal die Brust ab. Ich weiß nicht, ob ich langsam so richtig gestört bin, aber ich hab irgendwie kein Problem mehr damit, dass die mich da alle begrabschen. Oh-oh... na ja jedenfalls fragte er auf einmal, ob ich zugenommen hätte, meine Brüste würde ihm größer vorkommen als noch im Dezember. Da ich seit Dezember vier Kilo abgenommen hatte, hatte sich das wohl erledigt. Ich äußerte eine Theorie, ein Alien zu sein...
Bei meinem ersten Gespräch hieß es noch, er würde erstmal nur die linke Brust operieren und die rechte erst später angleichen. Erzählte ich schon, dass ich vor den Monaten, in denen ich "dramatisch" ungleich große Brüste haben würde tierische Angst hatte? In diesem Gespräch hieß es dann, er würde gleich beide machen. Angst beseitigt. Die OP sollte aber nicht, so wie ich dachte, am Mittwoch, sondern erst am Donnerstag stattfinden. Informationsfluss für'n Allerwertesten.
Dann nutze ich die Zeit für meine Lieblingsaktivität *hüstel*, da in diesem Krankenhaus scheinbar alles auf Abruf geschieht. So auch meine Mammographie. Ich werde die Unwissenden mal erleuchten: eine Mammographie ist ein Röntgenverfahren extra für die weiblichen Brüste. Dabei legt man die Brust auf eine Platte, in der eine Röntgenplatte steckt (also wo das Bild nachhern drauf erscheint, bzw. gespeichert wird), dann wird von oben eine Platte parallel zur ersten auf die Brust gedrückt (das geschieht alles an einer Maschine, die von einer Röntgen-Lady bedient wird). Jungs, ich sag' euch, das kann ziemlich weh tun! Eigentlich werden Mammographien bei so jungen Frauen vermieden, der Strahlenbelastung wegen, aber bei mir können sie ja wohl keinen Krebs mehr verursachen :D
Ich merke schon wieder, was für einen makaberen Humor ich entwickelt habe, entschuldigt bitte.
Den Rest des Tages durfte ich meinem Hobby widmen, denn eigentlich sollte ich noch durch einen Arzt aufgenommen werden. Chirurgen haben allerdings die Angewohnheit, im OP zu verschwinden, muss 'ne Berufskrankheit sein... deshalb konnte ich nicht raus. *dedümm*

Mittwoch, 9. Februar 2011:
5:45 Uhr war die Nacht zu Ende. Ich hatte stark die versteckte Kamera in Verdacht, als zwei Schwestern mit dem morgendlich-frischen Feingefühl einer Dampfwalze ins Zimmer kamen und lautstark anfingen, die zwei Schilddrüsen (der Einfachheit halber habe ich mir meine Mitpatienten nach OP-Grund gemerkt) für die OP vorzubereiten. Als sie endlich aus dem Zimmer waren drehte ich mich um und schlief weiter. Als ich dann gegen 9:00 Uhr wach wurde, wollte mir eine der Dampfwalzen grade mein Frühstückstablett wieder wegnehmen. Das konnte ich grade noch verhindern. Die wollen tatsächlich, dass ich um 7:00 Uhr Frühstück essen, aber da haben sie nicht mit mir gerechnet... haahaahaha... Ich bin ein unglaublicher Sturkopf (Löwe eben), da gibt es genügend Leute, die das bestätigen können. Ich aß also schnell mein Frühstück, damit sie es mir nicht doch wegnehmen und zog mich an. Bis zum Zähneputzen kam ich gar nicht mehr, denn schon stand eine Schwester in der Tür, gab mir meine Akte und schickte mich zum MRT. Ich liiiebe es, wenn ich als Letzte erfahre, dass ich irgendwo hin muss. Aber zurück zum Thema: MRTs sind nichts Neues für mich, das wisst ihr ja. Dieses MRT hat mich allerdings überrascht: statt auf dem Rücken musste ich auf dem Bauch liegen und es gab zwei Aussparungen für die Brüste. Hängen lassen, das beschreibt's wohl am Besten.
Ich musste zwar mit der MRT-Lady diskutieren, habe meinen Willen aber bekommen: statt mir 'ne Flexüle zu verpassen, benutzte sie den Katheter zur Einspritzung des Kontrastmittels. Ich habe noch nie den Panikball benutzt, weil ich nicht klaustrophobisch oder auf das Kontrastmittel allergisch reagiere, nach ca. fünf Minuten MRT allerdings hatte ich mein erstes Mal (Panikball drücken, nicht, was ihr wieder denkt). Brillianterweise hatte ich vergessen, die Klemme aufzumachen, denn wenn die zu ist, kann die MRT-Lady nichts spritzen. Ich hatte genau den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn sie wollte eh' grade reinkommen, um das Zeug zu spritzen.
Zurück auf Station: warten *yay*. Allerdings ließ ich diesmal die Schwestern auch daran teilhaben und ging ihnen mächtig damit auf den Keks, dass ich keine Lust mehr habe, zu warten. Der Prof. musste nämlich noch die OP-Aufklärung mit mir durchgehen. Wir machten einen "Termin" für 15 Uhr aus, dann wollte der Prof. sich Zet für mich nehmen. Erwähnte ich schon, dass ich Chirurgen ganz entzückend finde? Er kam dann um 16 Uhr und holte uns zum Gespräch ab.
Nun erfuhr ich, dass wir uns nun doch wieder auf den ersten Plan konzentrieren würden: nur links, später rechts. Im MRT zeigte sich nämlich, dass der Tumor gar nicht dicht hinter der Brustwarze saß, wie er angenommen hatte, sondern deutlich tiefer. Außerdem hatte ich ich im Dezember gefragt, wie lange ich denn bleiben müsste und er meinte, eine Woche. Normalerweise werden Brust-Op-Leute schon nach zwei Tagen nach Hause entlassen, da sich das bei mir allerdings etwas schwieriger gestaltet, durfte ich länger bleiben. Die neue Information lautete, dass wir auf den Pathologie-Befund warten müssten, bevor er sagen kann, wie lange ich bleibe. Wenn er den vollständigen Tumor rausholen konnte, würde ich erstmal nach Hause fahren und weiter Therapie machen, besteht allerdings der Verdacht, dass noch Zellen drin geblieben sind, werde ich wieder aufgeschnitten und muss demzufolge länger bleiben.
Mamma würde aber trotzdem am folgenden Montag nach Hause fahren, denn mein pflegebedürftiger Bruder sollte aus der Urlaubspflege entlassen werden und außerdem habe ich zwei jüngere Schwestern, die ihre Mutter ebenso brauchen. Ich würde dann wohl später alleine nachkommen.
Gegen 17 Uhr machten Mamma und ich dann noch einen Stadtbummel auf Irrwegen. Die Wegbeschreibung, die mir eine der Schilddrüsen gegeben hatte war leider für den Allerwertesten. Wir liefen zwei Stunden durch die Stadt, Laune sinkend, ich besuchte kurz einen Douglas, Laune steigend, und dann waren wir 19 Uhr wieder auf Station.
Um 22:00 Uhr nahm ich meine erste LMAA (Leck' mich am A****)-Pille. Die Schwester meinte, die zweite müsse ich am nächsten Morgen um 9:00 Uhr nehmen. Ich erwidert, dass man meines Wissens nach dem Einnehmen nicht mehr aufstehen dürfe und sie bestätigte, woraufhin ich ihr sagte, dass es sich dann schwierig gestalten dürfte, 11:30 Uhr zum Anzeichnen runterzugehen. Sie meinte, sie lässt morgen früh anrufen und fragen, wie der Prof es gerne hätte.

Kommentare:

  1. Bin ja mal gespannt auf den nächsten Bericht!
    Den Professor durfte ich übrigens auch schon mal beehren, der hat irgendwie immer die Angewohnheit alle Patienten auf 7.30 zu bestellen. Bei mir war das fast ne Woche lang jeden Tag der Fall... :)
    Aber immerhin hat er seine schaurigen OP-Pläne bei mir nicht durchsetzen müssen (Der wollte irgendwie nen Lymphstrang entnehmen und Haut von Rücken oder Bauch transplantieren - vom Rest des Gesprächs hab ich nur noch die Worte "Kompressionsstrumpf" und "lebenslang" im Kopf)
    Ich bin schon fast der Meinung wir sollten ein Blutwerte-Quartett entwickeln :) Kalium 2,0 sticht!
    Wünsch dir gutes Durchhalten :)
    Und übrigens - dein Humor ist wunderbar makaber :)
    Liebe Grüße,
    Marina

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  2. Man Langweilig wird es dir da so schnell nicht, bei deinem neuen Lieblingshobby dem warten.
    Wünsche dir noch ganz viel Kraft das dort alles durch zustehen.
    wiwi Lauren

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  3. Hey, warten finde ich auch immer voll cool;) Da kann man sich ein Bild von den netten Mitmenschen machen. Netter Zeitvertreib und alles gute für dich;)

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