Donnerstag, 18. August 2011

Schmerzen - und die Angst, dass es ein Rückfall ist



Mittwoch, 27. Juli 2011: Wiedereinzug ins Krankenhaus, yippie. Wie gewohnt habe ich einen Ausflug in die Rostocker Innenstadt gemacht, um mir die Zeit zu vertreiben. Mit dabei war Steffy, meine Cousine. Sie und ihre Schwester waren bei uns zu Besuch für ein paar Tage, also zogen wir gemeinsam durch die Läden.

Donnerstag, 28. Juli 2011: Chemo-Day, wie immer. Außerdem fuhr Mamma endlich in Urlaub. Endlich, weil wir uns ganz einfach schon viel zu lange auf der Pelle sitzen. Edlich, weil sie sich seit zwei Jahren kaum weg traut, weil sie Angst hat, es gebe einen Notfall, wenn sie nicht da ist. Sie ist mit ihrer Schwester und deren Mann nach Bayern gefahren und wir hatten zum Austausch dann die beiden Mädels hier.

Am Freitag ging's dann ganz klassisch nach Hause.

Da Steffy und Sarah, meine Cousinen, nicht zu uns gekommen sind, um sich die Wohnung von innen anzuschauen wollten wir am Sonntag, 31. Juli 2011 in einen Kletterwald fahren. An den Vortagen hatte es fast ununterbrochen geregnet und nun hatten wir endlich Sonne, also fuhren wir frohen Mutes los. Leider wurden wir an der Kasse ausgebremst, denn der Kletterwald hatte wegen Überschwemmung geschlossen. Ich war zugegebenermaßen etwas verärgert, weil das nicht aktuell auf der Homepage stand, muss mir aber auch eingestehen, dass ich mir das auch selbst hätte denken können.
Wir beschlossen, ein Ausweichmanöver nach Warnemünde zu fahren. Mit einem Buch und Cappuccino ließ ich es mir gut gehen, während der Rest sich für eine Stunde auf einem Tretboot austobte. Als sie schließlich fertig waren, wollten wir los und ich musste zahlen. Leider haben Kellner die Angewohnheit, mich zu übersehen (warum auch immer), sodass Anja auffällig mit dem Arm wedelte und winkte und "hallo...hallo...hallo" rief. Der Kellner kam auch sofort, gab ihr die Hand und sagte: "Hallo, na? Wie geht's dir?" und sie antwortete im Plauderton: "Jioar, gut soweit, und dir?" und ihm ging's auch gut. Das hat mich so überrascht, dass ich 'ne gute Minute sprachlos von einem zum anderen guckte. Später darauf angesprochen, ob sie ihn kenne meinte sie: "Nö." Das war der Brüller des Tages.
Wir fuhren zurück nach Hause und alle Autofahrten an diesem Tag tätigten wir, da es so warm war mit offenen Fenstern. Alle fünf Minuten fragte ich jemand anderes, ob er sein Fenster bitte hochkurbeln könne, da ich keine Lust auf eine Erkältung hatte. Ich kam mir wirklich vor wie ein quengeliges Kleinkind. "Sind wir bald dahaaaa?" "Mammaaaa, ich muss maaaal!" "Ich hab Hungeeer!" "Sind wir jetzt bald dahaaa?" "Und jetzt?"
Nachts, bis auf Nicole schliefen wir alle in einem Zimmer, beglückte mich eines der Mädels mit Geschnarche, woraufhin ich ins Wohnzimmer auf die Couch zog.

Am Montag, 1. August 2011 wachte ich früher als gedacht auf und durfte feststellen, dass ich starke Schmerzen in der linken Achselhöhle hatte. Ihr könnt euch meine Panik vorstellen, dass es ein neuer Tumor ist. Ich habe sofort alles abgetastet, konnte aber keinen Knoten finden. Das hätte mich beruhigen können... hat's aber nicht. Mittlerweile bin ich sehr kreativ, was sowas angeht. Ich verlegte den befürchteten Tumor gedanklich einfach an die Innenseite der Rippen und drehte weiter durch, rief dann auf Station an und sagte Bescheid, was grade los ist. Aufgelegt und erstmal Dammbruch: ich stand in der Küche und heulte wie blöd. Im Hinterkopf habe ich monatelang irgendwie darauf "gewartet", dass etwas passiert. Im Februar sagte man mir noch, dass ich vielleicht nur noch ein paar Monate zu leben habe und seitdem "warte" ich förmlich darauf, dass etwas passiert.
Nun, ich fuhr in die Klinik und ließ mich durchleuchten. Eine Röntgenaufnahme und ein Ultraschall später war klar: das ist nichts ungewöhnliches zu sehen, alles gut soweit. Wir vermuten, dass es einfach eine Kombi aus Nachts verlegen und Zugluft war, die einen Nerv gereizt oder eine Verspannung ausgelöst hat, denn schon am nächsten Tag war der Schmerz so gut wie weg. Sowas wird mich wohl mein Leben lang ärgern: wenn etwas wehtut, gerate ich in Panik.

Am Mittwoch, 3. August 2011 holten wir unseren Kletterwaldausflug nach, leider ohne Nicole, die musste arbeiten. Nicht, dass einer denkt, ich hüpfe in den Bäumen rum. Da schaffe ich höchstens den kinderparcour und liege dann hechelnd am Boden. Ich habe Muddi gespeilt und rannte mit der Versorgungstasche durch die Gegend, während die anderen drei durch die Bäume sprangen. Ein Mitarbeiter fragte mich dann noch, warum ich denn nicht mitklettere (ich hatte an dem tag nur Mütze auf) und ich antwortete ihm, dass ich das Kräftemäßig nicht schaffen würde, worauf er meinte: "Ja, ich seh's." Wie sich herausstellte, hatte seine Mutter Brustkrebs und so unterhielten wir uns die drei Stunden lang, die die anderen kletterten.

Das für heute erstmal, morgen oder übermorgen gibt's dann Teil zwei =)
eda :*

Kommentare:

  1. hey Eda,
    1. bin froh, dass ich von dir heute was gehört hab und 2. jepp - du hast das Recht so zu denken, wenn du irgendwo Schmerzen hast.
    Mir geht es als Mutter auch so, dass gleich die Alarmglocken läuten, auch noch nach 10 Jahren. LG z.Zt. von der Nordsee Horumersiel-Schillig - Angelika

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  2. hallo eda, ich habe wieder deinen Bericht gelesen und kann deine Angst verstehen....ich denke das ist ganz normal bei allem was du so durchmachst...und durchdestanden hast...ich wünsche dir weitrhin ganz viel Kraft und das du deinen gesunden Humor trotz allem behälst und deine Zuversicht...viele gute Wünsche von Andrea

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  3. Hey Eda, ich weiß du hasst den Satz "ich weiß wie du dich fühlst" wer hasst den nicht, dennoch wollte ich dich bewundern das du so mutig bist und die kraft hast zu kämpfen. Ich hab vor 2 Wochen erfahren das ich Hodgkin-Lymphom habe und nur noch kurz zu leben habe, also tue ich mein Bestes und mach all das noch, was ich schon immer tun wollte ;) Kennst sicher den Drang ;)

    Vielleicht schreibst du mir ja mal, würde mich freuen.

    Sam

    sambeiler@hotmail.de

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    1. Hey Eda, hey Sam,

      ich hasse diesen Satz auch. Evtl. lebt ihr nicht mehr. Falls doch, meldet Euch bitte bei mir. Ich habe seit gestern meine Diagnose. Hodgkin-Lymphom :-( Ich habe so große Angst. Stadion 2. Klingt harmlos. Ist es aber nicht.

      Ich würde mich über Post an Sabrina.Sassner@gmx.de sehr freuen.
      Bine

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  4. Ich freue mich für dich, dass nichts zu sehen war! Ich kenne das auch nur zu gut.. sobald mir was wehtut, etwas pocht/spannt usw., bekomme ich die Krise! Dabei bin ich seit fast 2 Jahren tumorfrei.. (hatte ebenfalls das Hodgkin-Lymphom). Aber diese Angst begleitet einen wohl das ganze Leben lang. Am schlimmsten ist es für mich vor den Kontroll MRTs.. 2 Monate vorher bekomme ich Panikattacken, habe Schlafstörungen und mache mich total fertig - bis jetzt war aber zum Glück nie etwas (seit 2 Jahren). Einen Rückfall hatte ich aber halt auch schon mal.
    Ich wünsche dir weiterhin so viel Zuversicht und Kraft!

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  5. alles alles gute nachträglich!
    ich wünsch dir nur das beste... ich hoffe du hast dich ordentlich
    feiern lassen...!

    liebe & frieden

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  6. Irgendwas treibt mich immer wieder auf diesen Blog. In mir dreht sich alles. Mein Leben erscheint beendet, obwohl ich noch atme. Es ist die Hölle. Ich habe mittlerweile so vielen Menschen geschrieben und gehofft, dass sie sich bei mir melden. Doch keiner tat es. Verständlich. Wer möchte sich schon mit mir belasten. Ich bin übrigens 31 Jahre alt. Ich habe einen Hund und ich arbeite oder sollte ich sagen arbeitete bis letzte Woche. Ich hatte ein Leben. Hatte. Ich bin auch fasziniert von der Zuversicht und Kraft, die viele haben. Ich habe sie nicht. Ich versinke in Selbstmitleid. Traurig. Was würde ich für die Stimme in einem Telefonhörer geben, die mir sagt, ich möge mich fallen lassen und den Schmerz und die Angst die ich habe, zulassen. Doch stattdessen, da fresse ich sie in mich hinein und behalte alle meine Gedanken für mich. Nicke, wenn man mir sagt, dass alles gut wird. Doch wer hat das Recht so etwas zu sagen!? Keiner! Ich schaue aus meinem Fenster und sehe den Rhein. Doch nichts ist mehr wie zuvor. Alles ist anders. Alles scheint endlich. Dabei hatte ich noch so viel vor in meinem Leben :-(

    Bine

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